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Am Wall 68/2009

Bauer, Karl: Fort Prinz Karl. Das Fort Nr. VI der Königlich Bayerischen Hauptlandesfestung Ingolstadt. Globulus Sonderband III. Eichstätt 2009. 273 Seiten, 38 Pläne, 10 Karten, 54 Fotos. ISBN 978-3-928671-56-9. 18,50€.

Nachdem 2007 sein Buch über das Fort IV erschienen ist, legte nun der Ingolstädter Festungsforscher Bauer ein weiteres über das Fort VI vor. Bei diesem handelt es sich um das einzige in Deutschland noch vollständig erhaltene Schemafort der Ära Biehler (1872-1884), die volkstümlich auch Biehlerforts genannt werden. Von ihnen wurden im Deutschen Reich etwa 75 errichtet Das in Ulm noch vorhandene asymmetrische Nebenwerk XXXV ist von seiner Größe her eher ein Zwischenwerk als ein Fort. Außerdem gibt es in Spandau noch das stark beschädigte Fort Hahneberg.

Wegen der Einzigartigkeit von Fort VI ist das Interesse der Festungsforscher groß, endlich an Hand vorhandener Primärquellen im Kriegsarchiv München etwas über die Entstehung eines Schemaforts zu erfahren. Bauer hat diese Erwartungen durch intensive Auswertung der Aktenbestände voll erfüllt. Wegen des Verlustes des Heeresarchives in Potsdam 1945 leiden die bisher erschienenen Bücher über Fort Hahneberg (Schulze) und Fort Biehler (Klein/Lacoste) daran, dass sie sich nur auf Sekundärquellen und Pläne abstützen können. Trotz dieser Restriktionen ergänzen sich alle drei Bücher gegenseitig und geben zusammen einen guten Einblick in die Entwicklung und den Aufbau eines Schemaforts.

Bauer gliedert sein Werk in 3 Teile, nämlich I. Neubau, II. Verstärkung und III. Entmilitarisierung, deren Bereiche schwer abgrenzbar sind. Zwar sollte nach der Reichsgründung 1871 die bayerische Festung Ingolstadt aufgegeben werden, doch gelang es der bayerischen Regierung, Ingolstadt bei den Festungen I. Ordnung zu etablieren, da sie bereits mit dem Bau einer Gürtelfestung begonnen hatte. Entsprechend wurde durch Reichsgesetz vom 30.5.1873 Ingolstadt in den Kreis der vom Reich zu finanzierenden Gürtelfestungen übernommen. Von 1872-1884 entstand dann ein dem Innenring vorgelegter 2. Fortgürtel, der aus 9 Schemaforts bestand, die bis zu 8 km vor der Stadt lagen. Deren Bau erfolgte wiederum auf der Grundlage der vom preußischen Ingenieur-Komitee für Straßburg entwickelten Pläne. In ihnen hatte das Komitee die Erfahrungen eingearbeitet, die man im vergangenen Krieg mit der Treffsicherheit und den Schussweiten der gezogenen Hinterlader-Geschütze und deren Munition gemacht hatte.

Bei dem geplanten Fort VI handelte es sich um ein lünettenförmiges Werk mit trockenem Graben, bei dem 22 Geschütze auf dem Wall stehen sollten, was auf ein kleines Fort schließen lässt. Dazu kamen noch 6 Geschütze in den anfangs mit eingeplanten 2 Anschlußbatterien. Am 16.3.1877 begannen die Erdarbeiten und die Sprengungen zur Herstellung des Kehlgrabens und der Baugrube für die im Oktober 1878 im Rohbau fertiggestellte Kehlkaserne. 1878 folgten die Schulterkasematten, die Hohltraversen der Facen ohne Subkonstruktion, die beiden K.P.M. auf den Flanken sowie das Saillant-Kasemattenkorps. Die Bauarbeiten wurden gleichzeitig an verschiedenen Stellen durchgeführt. Sie endeten am 21.10.1882 mit der Übergabe des Forts an das Gouvernement.

Die einzelnen Etappen der Entstehungsgeschichte hat Bauer äußerst detailliert geschildert. Dazu zählen auch die Bepflanzungsaktionen zur Tarnung wie auch die von Anfang an erforderlichen Reparaturen, die vor allem die Dosdanierung betrafen. Am Ende kostete das Fort 1,69 Mill. Mark. Von den geplanten Anschlußbatterien wurde vorerst Abstand genommen, obwohl die preußische Artillerie deren Notwendigkeit wie auch der von Zwischenfeldbatterien bereits 1873 erkannt hatte. Trotz der bekannten Ge¬fährdung der Wallartillerie durch Demontierfeuer wurde ein Artilleriefort nach dem anderen gebaut.

Kaum war das Fort VI fertig, brach 1883 mit der Einführung der Brisanzgranate in Deutschland die Brisanzkrise aus, denn Frankreich antwortete 1886 mit der Melinitgranate . Der einzige Ausweg war nur die schnelle Verstärkung der Forts an ausgewählten Stellen mit Sandauflagen und Betonschichten und seitlich mit Sandkorridoren, wobei die von Fort VI von 1887-92 erfolgte. Gleichzeitig wurde auch das Ende der Artillerieforts eingeläutet, denn die Wallgeschütze konnten sich trotz Traversen nicht mehr auf dem Wall halten, sondern mussten nun endgültig in Anschluss- und Zwischenfeldbatterien verlegt werden. Ab 1888 entstanden dann beiderseits von Fort VI zwei innere und eine rechte äußere Anschlußbatterien mit Munitions- und Untertreträumen, wobei die unteren Räume Zugang aus dem Kehlgraben hatten. Die Forts wurden damit zu Infanterieforts mit nur wenigen Wallgeschützen. Zu ihrer Sicherung erhielten sie Vorgräben und Sturmgitter auf der Kontereskarpe. Als zusätzliche Ver¬stärkung der äußeren Fortlinie wurden zwischen den Forts Zwischenwerke eingeschoben. In Ingolstadt entstanden de¬ren 7, von denen zwei unvollendet blieben.

Bauer berichtet nicht nur über Fort VI, sondern beleuchtet auch dessen Einbettung in die Ingolstädter Festungsgeschichte. Dazu zählen u.a. die Festungskriegsübungen von 1884 und von 1903, die Geschützausstattung der Festung 1895 mit 729 und 1904 mit 348 Geschützen, der Armierungsentwurf von 1902/1904. Überraschend ist seine Mitteilung, dass es 1894 Pläne gegeben hat, Ingolstadt mit 54-Haubitz-Panzertürmen, 14 gepanzerten B-Ständen und 11 PT für je zwei lange 15 cm Kanonen auszurüsten. Vorausgegangen war 1879-83 der Einbau von zwei PT für je 2 - 15 cm R.K. in Min.S.L. in den Forts IIIa und Va der äußeren Linie.

Im 1. Weltkrieg und in der Nachkriegszeit wurde Fort VI als Gefangenen- und zeitweise als Internierungslager für Spartakisten und Ausländer genutzt. Dass es nicht zu einem Steinbruch verkam, verdankte es in der Weimarer Republik der Reichswehr, die es weiter unterhielt. Nach der Auflassung der Festung 1937 dienten die Forts bis 1945 meist als Munitionslager. Der bei Kriegsende im Fort VI gelagerten Menge von Munition war es wohl zu verdanken, dass es die Amerikaner wegen der Nähe des Dorfes Katharinenberg nicht sprengten. Nach Aufstellung der Bundeswehr 1955 unterhielt diese darin ein Munitionsdepot. Ab 1973 wurde es von Zivilfirmen zur Munitionsbeseitigung verwendet. Das bayerische Finanzministerium ließ ab 1999 den zerstörenden Wildwuchs entfernen und Restaurierungsarbeiten durchführen. Es ist also die Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft, dieses einzigartige militärische Baudenkmal zu erhalten.

Die Lektüre des detailreichen Buches wird Festungsforscher höchst zufriedenstellen und Geschichtsinteressierte wegen seiner Fotos begeistern. Alles in allem ein Buch, über das nur Lobenswertes zu berichten ist.

W. Lacoste