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Der Kampf um die Erhaltung der Festung

Welche Rolle sollten die bayerischen Festungen im neugegründeten Deutschen Reich spielen? Moltke wollte jedenfalls 1871 Ingolstadt ganz aufgeben. Damit stieß er auf den entschlossenen Widerstand des bayerischen Kriegsministers Pranckh, der alles tat, um Ingolstadt zu erhalten und dessen Ablehnung sich noch verstärkte, als auch die Landesverteidigungskommission - in der Bayern nicht vertreten war -gegen die letzte Festung im rechtsrheinischen Bayern votierte. Mit Ingolstadt sollte nach Auffassung des Ministers ein gesicherter Waffenplatz und eine geschützte Unterbringung der technischen Institute der bayerischen Armee erhalten bleiben, und man sah hier außerdem „den bedeutendsten Bahnknotenpunkt" im Entstehen. Es war kein geringerer als Bismarck, der die politische Brisanz dieser Frage erkannte und sicher ein Gespür dafür besaß, dass Festungsbau auch etwas mit Psychologie zu tun hat, weil er ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermittelt. Bayern war ja nicht gerade mit fliegenden Fahnen in das neue Reich eingetreten und im bayerischen Landtag saßen noch zahlreiche Abgeordnete, welche dagegen gestimmt hatten. Eine Auflassung der Festung Ingolstadt hätte allen Gegnern der Reichsgründung eine höchst willkommene politische Munition geliefert. Auch der preußische Kriegsminister von Kameke hat offenbar genau erkannt, welch innenpolitischer Zündstoff hier in Bayern schwelte.

Pranckh's geschickter Schachzug aber war, dass er seinen König in dieser Frage motivieren konnte. Ludwig II. hatte kein Verständnis für militärische Fragen, war aber sehr empfindlich, wenn es um eine tatsächliche oder vermeintliche Schmälerung seiner Rechte ging. Die Festung Ingolstadt dürfte daher das einzige militärische Problem gewesen sein, in welchem Ludwig II. eine klare und bestimmte Haltung angenommen hat.

So blieb Ingolstadt die einzige bayerische Festung, die noch ausgebaut werden sollte. Landau/Pfalz ist entfestigt worden und in Germersheim erhielt man den Status quo, weil man die vorhandenen Werke als ausreichend einschätzte, um in Krisenfällen einen geschützten Rheinübergang zu haben.

Alle weiteren Diskussionen sind jetzt nur noch innerhalb der Bayerischen Armee geführt worden. Dass Ingolstadt einen Fortgürtel bekommen sollte, stand außer Zweifel. Die einzige wichtige Frage war nun, wo die geeignetsten Plätze für die künftigen Forts lagen. Hier gab es die Erfahrungen des Krieges von 1870/71 - die man gerade im Festungskrieg sehr reichlich gewonnen hatte - und man konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, dass die Reichweite der Geschütze nicht nur zugenommen hatte, sondern weiterhin im Zunehmen begriffen war.

Nun sollten aber gerade die Kernfestung mit den noch hierher zu verlegenden technischen Instituten der Armee sowie die Bahnhöfe möglichst lange der Beschießung eines Angreifers entzogen sein. Dies führte dazu, dass man in einer jahrelangen Diskussion die Forts immer weiter hinausschob, um einen Angreifer möglichst lange auf Distanz zu halten. Pläne, einige Werke des alten passageren Vorwerksgürtels mit in diesen neuen Gürtel einzubeziehen, sind daher schnell ad acta gelegt worden, weil sie zu nahe an der Hauptumwallung lagen.

Es mag daher für die meisten Beteiligten eine Überraschung gewesen sein, dass der bayerische Generalstab zu einem Zeitpunkt, da mit dem Bau der ersten Forts schon begonnen worden war, eine grundsätzliche Diskussion über die künftige Lage der Forts neu entfachte. Der Generalstab, der die strategische Bedeutung von Ingolstadt gemindert sah, votierte für einen schnellen Baubeginn, vertrat aber die Anschauung, dass eine absolute Sicherung der Kernfestung unmöglich sei und die Entfernungen zwischen den Forts zu groß seien. Daher plädierte der Generalstab für einen engeren, nach seiner Meinung aber kräftigeren Fortgürtel.

Dies lehnte das Kriegsministerium ab, weil der Bau schon begonnen hatte und die künftigen technischen Institute möglichst lange zu schützen seien. Ingolstadt werde der „Waffenplatz Bayerns" und „einer der wichtigsten Eisenbahnknoten- punkte Süddeutschlands". Durch ein weites Hinausschieben der Forts werde der Gegner zum förmlichen Angriff gezwungen.

Eine Kommission lehnte am 2. Dezember 1877 die Gedanken der Generalstabes ab, erhob allerdings die Forderung, dass permanente Zwischenwerke errichtet werden sollten. Ein nochmaliger Versuch des Generalstabes, Änderungen herbeizuführen, blieb ebenfalls erfolglos. Diese Diskussion war auch ein für die bayerische Heeresgeschichte bemerkenswerter Vorgang, dessen Bedeutung weit über die Geschichte der Landesfestung hinausreicht. In Preußen nämlich hätte das Kriegsministerium gegen den übermächtigen Generalstab keine Chance gehabt. In Bayern aber gingen die Uhren anders, denn hier war das Kriegs- ministerium nicht nur oberste Verwaltungs-, sondern auch oberste Kommandobehörde.

In diesem besonderen Fall war es gewiss die zukunftsweisende Entscheidung, denn die Reichweite der Geschütze erhöhte sich permanent. Im besonders gefährdeten Westen von Ingolstadt hätte man die Forts sogar noch weiter hinausschieben müssen.