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Die beginnende Entfestigung


Bis zum Bündnis mit Österreich hatte die bayerische Armee dieses Land primär als möglichen Gegner betrachtet. Nun trat Frankreich in den Vordergrund, und dessen Möglichkeiten zu einem Angriff über den Oberrhein wurden untersucht. Dennoch waren sich schon im Jahre 1900 der Chef des Generalstabes der Armee, Graf Schlieffen, und der bayerische Generalstabschef, Ritter von Lobenhoffer, einig, dass Ingolstadt nicht ausgebaut werden sollte.

Der bayerische Generalstab sprach sich daher auch 1903 dafür aus, keine weiteren Mittel auszugeben. Zu einem Angriff auf Ingolstadt werde es nur im Falle eines unglücklichen Kriegsverlaufes kommen, wenn ein erheblicher Teil einer Armee in Ingolstadt Zuflucht nehme. Auch die Inspektion des Ingenieurkorps wollte keinen weiteren Ausbau, aber Mittel zur Erhaltung, da man die Gefahr eines Angriffes gegen die „politisch wichtige bayerische Landeshauptstadt" sah.
1912 wurde es ernst. Der bayerische Generalstab gab einer offensiv vorgehenden Feldarmee den Vorzug und wollte die zur Verfügung stehenden Mittel auf die Verstärkung der Grenzfestungen konzentrieren, während das Ingenieurkorps die drei inneren Forts und den Fortgürtel erhalten wollte.

Kriegsminister Kress von Kressenstein hatte jedoch schon Vortrag bei Prinzregent Ludwig gehalten, und dieser stimmte am 20. Januar 1913 der Auflassung zu. Da aber die Festung Ingolstadt als Bestandteil eines Staatsvertrages - des Schlußprotokolls zum Versailler Bündnisvertrages vom 23. November 1870 - gesehen werden musste, so war es zunächst unter den Juristen nicht unumstritten, in welcher Weise die Auflassung zu vollziehen war. Dies führte zu erheblichen Verzögerungen, und dann brach der 1. Weltkrieg aus, der allen weiteren Diskussionen ein Ende setzte, da doch niemand wissen konnte, ob es einer gegnerischen Armee gelingen würde, in Süddeutschland einzudringen.

Auf jeden Fall waren bei der Stadtumwallung schon Fakten geschaffen worden. Zwar wollte die Armee noch 1890 auf die sturmfreien Wälle nicht verzichten, aber kurz darauf fand ein Umdenken statt, und 1904 einigte man sich mit der Stadt auf einen Tausch, welche nun die unregelmäßigen Fronten abbrechen durfte. Diese Arbeiten waren bis zum 1. Weltkrieg noch nicht abgeschlossen. Auch am Brückenkopf gab es erste Maßnahmen der Entfestigung.

Ansonsten war es das Bestreben der Militärverwaltung, die bestehenden Festungsbauten in erster Linie bewohnbar zu machen, um den durch die Vergrößerung der Garnison gestiegenen Raumbedarf zu befriedigen. Ab 1884 begann der Umbau der großen Kavaliere Heideck, Elbracht, Spreti und Hepp, welche alle als Infanteriekasernen dienten. Es war dann nur konsequent, ab 1891 die Gräben vor diesen ehemaligen Festungswerken aufzufüllen. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges dienten alle Werke der Hauptumwallung als Kasernen oder Lagerräume. Durch die Niederlegung der unregelmäßigen Fronten wurden auch der Kavalier Baur und der Turm Triva abgebrochen. Die Armee wollte aber diese Ehrung zweier verdienter Offiziere nicht untergehen lassen, und so wurde 1911 verfügt, dass die ovalen Türme Nr.104 und 118 des Brückenkopfes fortan „Turm Triva" und „Turm Baur" heißen sollten.